Der Mangel an Fachmedizinern wächst: Allein in der Augenheilkunde fehlen über acht Stellen. Weil sich für eine Zweigstelle in Zörbig kein Arzt findet, übernimmt an einem Tag in der Woche ein KI-Gerät Untersuchungen. Ist das ein Modell für ganz Sachsen-Anhalt? Ein Besuch vor Ort.
VON LISA GARN
Blick ins Dunkel, dann beginnen die Messungen: Optikerin Susanne Augstein(r.) begleitet Birgit Pfeiffer bei der Untersuchung.
Birgit Pfeiffer setzt sich auf einen Drehstuhl und blickt in ein Gerät, das sich gerade auf sie einstellt. Es bewegt sich nach oben, der Kopf der 63-Jährigen verschwindet in einem weiß-blauen Kreis. “Fixieren Sie das grüne Kreuz”, sagt eine automatisierte Frauenstimme. Pfeiffer sieht rote Dreiecke, dann Linien, die sich wie Sonarwellen von unten nach oben bewegen. Ein heller Lichtblitz erscheint vor dem Auge. Dann feuert das Gerät einen Luftstoß auf das Auge ab, um den Innendruck zu messen. Pfeiffer zuckt nicht einmal zusammen. Ich wusste von meinem Mann, dass das kommt, sagt sie später. Pfeiffer gehört zu den Ersten, die in Zörbig (Anhalt-Bitterfeld) in der Zweigpraxis des Instituts für Auenheilkunde Halle von einem KI-gestützten Diagnose-Gerät untersucht werden. An einem Tag der Woche ist kein Augenarzt mehr vor Ort, er bewertet die Ergebnisse zeitversetzt aus der Ferne.
Künstliche Intelligenz und Telemedizin sind Antworten auf den Ärztemangel auch in Sachsen-Anhalt.
„Wir sind gezwungen, Vorreiter zu sein."
Tobias Duncker Augenarzt
In der Hausärzteversorgung werden die Lücken größer, ebenso bei den Fachmedizinern. Allein bei den Augenärzten sind 8.5 Stellen nicht besetzt. Der Altmarkreis Salzwedel und der Kreis Stendal sind drohend unterversorgt. Viele Praxen können keine neue Patienten aufnehmen oder vergeben Termine mit Monaten Wartezeit. Im Mai hatten Bilder der langen Schlange vor einer neuen Augenarztpraxis in Biterfeld-Wolfen überregional für Aufmerksamkeit gesorgt und für Kritik am Gesundheitssystem.
Wir stehen erst am Anfang der großen Welle. Immer mehr Ärzte gehen in den Ruhestand. Gleichzeitig wächst aufgrund einer älteren Bevölkerung der Behandlungsbedarf, sagt Dr. Tobias Duncket, Leiter des Instituts für Augenheilkunde, einem Medizinischen Versorgungszentrum mit mehreren Zweigstellen. Auf dem Land haben viele Patienten keinen Zugang zum Versorgungssystem, weil Ärzte fehlen und Praxen voller werden." Sachsen-Anhalt brauche deshalb neue Versorgungsmodelle.
Duncker sieht das neue Gerät - es nennt sich Eyelib und wird von einem Schweizer Unternehmen produziert - als Pilotprojekt, das auch in anderen Regionen funktionieren könnte. Über ein Jahr sollen dazu in einer Studie Erkenntnisse gewonnen werden. Die Ethikkommission der Landesärztekammer hatte grünes Licht gegeben.
Teilnehmen kann jeder, der eine Sehverschlechterung festgestellt hat und noch kein Patient in einer Augenarztpraxis ist. Begleitet werden die Teilnehmer von Medizinischen Fachangestellten. Meine Kollegin und ich sind an diesen Untersuchungstagen allein hier, sagt Optikerin Susanne Augstein. Zunächst werden Fragen zu Beschwerden beantwortet, es folgt ein analoger Sehtest. Dann wechseln die Patienten an das Hightech-Gerät, in dem zwei Geräte verschiedene Messungen durchführen. Sie scannen unter anderem Hornhaut, Netzhaut und Augeninnendruck. Es wird auch abgeglichen, ob eine Brille in der richtigen Sehstärke genutzt wird. Neben dem Gerät erscheinen die Augen auf einem Bildschirm in Großaufnahme, Optikerin Susanne Augstein zoomt näher heran, grenzt Bereiche ein, damit Daten ein genaues Bild zeigen.
Die Ergebnisse werden mit den durch den Fragebogen erhobenen Daten kombiniert, KI-basierte Algorithmen erstellen eine Vordiagnose. Das Gerät erkennt so zum Beispiel Krankheitsbilder wie Grüner Star, diabetische Retinopathie eine durch Diabetes verursachte Netzhauterkrankung oder die altersabhängige Makuladegeneration, die zu schweren Sehstörungen führen kann. Die Ergebnisse bewertet abschließend ein Arzt aus der Ferne. Bei Erkrankungen sind eine frühe Diagnose und Behandlung entscheidend, sagt Duncker. “Wenn jemand plötzlich schlecht sieht, bekommt er als Neupatient aber oft keinen schnellen Termin. Ein halbes Jahr später ist er womöglich blind.” Automatisch Patient werden die Teilnehmer in Zörbig nicht. Es sei denn, es wird eine behandlungsbedürftige Erkrankung festgestellt.
Modell in Sachsen
Telemedizin in der Augenheilkunde wird bislang in Deutschland vereinzelt eingesetzt. In Sachsen zum Beispiel gibt es seit diesem Mai eine mobile Augenarztpraxis. Dort arbeitet nicht ärztliches Personal, das digital Befunde von Routineuntersuchungen überträgt. Umliegende Augenarztpraxen und Kliniken arbeiten dabei zu sammen. Die Kosten übernehmen die Krankenkassen.
Perspektivisch soll das Diagnose-Gerät Kapazitäten schaffen. “Ziel ist. Sprechstunden anders zu strukturieren, indem Routinekontrollen nicht während dieser Zeit stattfinden”, sagt Augstein. "So könnten mehr Patienten mit ernsthaften Krankheiten versorgt werden."
Vor Pfeiffers Gesicht bewegt sich nun ein zweites Gerät sehr nah an ein Auge heran. Die Stimme lobt, dass die Teilnehmerin die Untersuchung ausgezeichnet absolviere. Pfeiffer soll nun auf einem Bild einen Heißluftballon fixieren, Plötzlich erscheint ein großer roter Kreis. Gemessen werden so die Brillenwerte. Pfeiffer atmet kurz durch. Dann ist das zweite Auge dran. Nach etwa 20 Minuten ist die Untersuchung beendet. “Das war ein bisschen anstrengend. Wahrscheinlich, weil es mehrere Messungen in kurzen Abständen sind”, sagt die Bitterfelderin. “Aber dann hat man alles einmal durch.”
Pfeiffer kommt nach Zörbig weil sie im Heimatort keinen Termin beim Augenarzt bekommt. “Seit Jahren ist es ein Problem, dass die Ärzte in Rente gehen und Praxen schließen. Als unsere Zahnärztin ging, haben wir lange gebraucht, um eine neue zu finden.” Beim Augenarzt war sie noch nie, sei aber in einem Alter, in dem “ich vorsorglich abklären will, ob alles in Ordnung ist. Mit dem Gerät ist es eine gute Lösung. Man hat ein bisschen Sicherheit. Sonst würde ich ja gar nicht untersucht werden.”
Duncker hatte das Diagnose Gerät Eyelib 2023 auf einem internationalen Kongress in Nümberg gesehen. “Mir war sofort klar, dass wir so etwas brauchen.” Denn für die Zweigpraxis in Zörbig war es immer schwieriger geworden, einen festen Arzt zu finden. “Man kommt dann an einen Punkt, an dem man überlegt, ob man die Zweigpraxis aufgeben muss. Aber das wollten wir nicht. Hier gibt es viele Patienten, die einen Augenarzt brauchen”, sagt Duncker, In der Zörbiger Praxis seien knappe 7.000 Patienten erfasst.
Auf der Suche nach finanzieller Förderung für das Vorhaben gab es ein Treffen mit der Landesgesundheitsministerin Petra Grimm-Benne (SPD), so Duncker. “Die Antragstellung für Fördergeld wäre aber sehr komplex und aufwendig gewesen.” Über die Krankenkasse ist die Leistung nicht abrechenbar. Duncker sprach auf einem weiteren Kongress die Firma Bayer aus Bitterfeld an, sie trägt nun die Leasingkosten in Höhe von 50.000 Euro für ein Jahr. Duncker fordert jedoch, in Sachen Telemedizin schneller voranzukommen. “Durch den demografischen Wandel sind wir gezwungen, neue Wege zu gehen und Vorreiter zu sein. Ohne telemedizinische Ansätze und neue Strukturen wird die augenärztliche Versorgung auf dem Land immer mehr wegbrechen. Auf Landesebene wünsche ich mir mehr Mitstreiter, um die Sacher voranzubringen.”
Das Landesgesundheitsministerium verweist auf Anfrage darauf, dass bereits ein Wandel stattfindet. So ist ein augenärztliches Pilotprojekt der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) gestartet. Für die sogenannte “Telemedizinische Einheit Augenheilkunde Salzwedel” (TEAS) arbeiten für die Altmark Augenarztpraxen und stationäre Einrichtungen in einem Netzwerkverbund zusammen. Dabei werden Daten erhoben, die Augenärzte telemedizinisch, ort- und zeitversetzt auswerten. Finanziert wird das Projekt vom Ministerium und der KV. Zudem arbeitet das Land mit den beiden Universitätskliniken am Aufbau der digitalen Plattform TeleSAN, in den bis 2026 fast zwölf Millionen Euro fließen.
Auch die KV sieht durch telemedizinische Angebote die Chance. “Diagnostikkapazitäten zeitlich flexibler und ortsübergreifend nutzbar zu machen.” Das Ärztmangelproblem lösten sie jedoch nicht. "Akutbehandlung von Patienten oder gar operative Eingriffe können nicht ersetzt werden."
An der Studie in Zörbig haben. seit Mitte Mai 20 Menschen teilgenommen. Pfeiffer vertraut der Technik: “Manchmal sieht eine Kl in kurzer Zeit mehr. Aber am Ende schaut ein Arzt drauf, den braucht man.” Sie sei erleichtert, dass zumindest eine Untersuchung stattfand. "Und vielleicht rutsche ich doch als Patientin rein", sagt sie am Tresen der Praxis. “Wenn nicht, sehen wir uns nächstes Jahr zur nächsten Untersuchung.”