Über den Wert der Musik – ein Essay über Musik und Medizin

„Musik und Kunst sind wesentliche Bestandteile, die zur Erhaltung unserer Demokratie beitragen.“
(Former President Juilliard School of Music, New York, 2025)
D. Klaas

Musik ist weit mehr als nur eine Reihe von Noten – sie ist eine universelle Sprache, die Menschen verbindet, Emotionen weckt und Gesellschaften prägt. Für Musiker ist sie Ausdruck ihrer Seele, ein Handwerk, das Hingabe und Leidenschaft erfordert. Musik stärkt den sozialen Zusammenhalt und fördert demokratische Werte wie Vielfalt, Toleranz und Dialog.

Die Aufführung musikalischer Werke beschränkt sich nie auf die akribische Ausführung der Noten: Es geht darum, Leidenschaft, Freude, Leid und Gefühle zu vermitteln, Emotionen zu transportieren und Spaß am Spielen zu haben. Rosina Lhevinne hat einmal gesagt: „Play heavenly“ (spiele göttlich). Die Vermittlung der erlebten Emotionen ist ein wesentlicher Bestandteil einer guten Performance. Wie oft durfte ich musikalische Höhepunkte erleben – und wie oft wurden meine Erwartungen durch ein langweiliges Festhalten an bloßen Notenwerten enttäuscht.

Wenn Sie sich auf die Suche machen, werden Sie auf verschiedenen YouTube-Kanälen wunderbare Beispiele dafür finden, wie viel Freude Musik bringen und vermitteln kann. Abgesehen von ihrer kulturellen und emotionalen Bedeutung weist die Musik überraschende Synergien mit der Medizin auf – insbesondere in Bereichen, die höchste Präzision erfordern, wie etwa die Augenheilkunde.

Musik und Medizin – mit besonderem Augenmerk auf die Augenheilkunde

Allgemeine Studien zeigen, dass Mediziner überdurchschnittlich oft musikalisch aktiv sind – sei es als Hobby oder sogar semiprofessionell.
Schätzungen und Korrelationen (Quelle: DeepSeek) zu Ärzten und Musik:

Eine Umfrage der British Medical Journal Group ergab, dass etwa 25–30 % der Ärzte ein Instrument spielen oder aktiv Musik machen. Hauptgründe hierfür sind: Die hohe Stressbelastung im Beruf kann durch Musik kompensiert werden, und es bestehen ähnliche Anforderungen an die Feinmotorik (Operationen/Instrumentalspiel).

Der berühmte Maestro Giuseppe Sinopoli studierte im Auftrag seines Vaters Medizin mit MD-Abschluss, bevor er sich endgültig entschied, Dirigent zu werden. Auch Prof. Charles Kelman (New York) studierte Musik an der berühmten Juilliard School, bevor er sich zu einem der innovativsten Augenchirurgen weltweit entwickelte, von dem wir alle unsere heutigen Operationstechniken gelernt haben. Musik und Augenheilkunde verbinden sich oft auf überraschende Weise.

Ein Beispiel ist der Komponist Georg Friedrich Händel, der nach einem Schlaganfall 1737 vorübergehend erblindete – seine Musik („Samson“) spiegelt diese Dunkelheit wider. Auch Johann Sebastian Bach litt an Grauem Star und unterzog sich 1750 einer riskanten Operation, die sein Augenlicht nicht retten konnte.

Heute nutzt die Musiktherapie bei sehbehinderten Patienten unter anderem die Klangwahrnehmung als Orientierungshilfe. In modernen Studien wird zudem untersucht, wie Musik die visuelle Wahrnehmung beeinflusst (z. B. durch synästhetische Effekte). Ein gutes Beispiel dafür findet sich in den Werken von Alexander Skrjabin.

http://www.scriabincode.com/

Diese Schnittstelle zeigt, dass sich Kunst und Medizin gegenseitig inspirieren. Augenärzte benötigen bei Operationen präzise manuelle Fähigkeiten – das weist deutliche Parallelen zum Musizieren auf. Studien zur Hand-Augen-Koordination (z. B. bei Pianisten und Violinisten) lassen vermuten, dass Musiker in der Mikrochirurgie überrepräsentiert sein könnten. Es ist anzunehmen, dass der Anteil bei den Augenärzten bei etwa 25–35 % liegen könnte.

Ein Dirigent, Maestro und zugleich Augenarzt war Georges Prêtre (1924–2017). Ein anderer Augenarzt, Dr. Michael Slavin, Neuro-Ophthalmologe in New York, war 2016 Gewinner der berühmten Van Cliburn Amateur Piano Competition und zudem zweifacher Gewinner eines internationalen Klavierwettbewerbs in New York.

Andere Musiker und Augenärzte waren zum Beispiel P. Clemente, der als Münchner Augenarzt mit dem Kammerorchester der Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan mit hervorragenden Leistungen spielte. Wenn Sie sich einige YouTube-Kanäle ansehen, finden Sie vielleicht auch D. Gatinel; schauen Sie sich seinen Artikel über den Einmarsch der Russen in die Ukraine an und seine Interpretation von Chopins erster Ballade, die Chopin komponierte, nachdem sein Vater ihn 1831 aufgefordert hatte, sein Vaterland wegen des drohenden Einmarsches der Russen zu verlassen und nach Wien zu gehen.

Es gibt viele, viele andere, die den Status eines Halbprofis erreicht haben. Natürlich handelt es sich insgesamt nur um eine sehr kleine Zahl von Augenärzten, die aktiv oder privat – wie früher in vielen Akademikerfamilien – ein Instrument erlernten, gemeinsam musizierten oder zum Beispiel Hausmusikabende oder kleinere Konzerte organisierten.

Viele Universitätsaugenkliniken haben sogar kleine Kammerorchester, die auf hohem Niveau musizieren. Zu nennen ist etwa Prof. Jonathan Lass von der AAO (American Academy of Ophthalmology), der wohl weltweit größten Vereinigung von Augenärzten, die auf ihren Jahrestagungen regelmäßig Konzertereignisse als sogenannte „Noontime Concerts“ organisierte – manchmal in spektakulären Konzertsälen, wie 1996 im Grand Ballroom des Atlanta World Congress Centers. Daran erinnere ich mich sehr gerne – und an die Kollegen, mit denen ich gemeinsam auftreten durfte und mit denen mich etwas ganz Besonderes verbindet: ein unvergessliches, freundschaftliches, internationales Musikerlebnis.

Ich möchte auch Albert Schweitzer erwähnen, den berühmten „Urwaldarzt“ aus Lambarene, der vor allem als Kinderarzt und Chirurg bekannt wurde und bis heute unvergessen ist.

Zu den Musikern, von denen einige von Geburt an blind waren und daher eine besondere Verbindung zum Thema Musik und Augenheilkunde haben, sei noch erwähnt – (natürlich als besonderer Liebhaber des klassischen modernen Jazzpianos): der Vater des Stride-Pianos, Art Tatum, von dessen Aufnahmen ich so viel lernen konnte. Die Liste ließe sich um Tete Montoliu (Piano) und Roland Kirk (Saxophon) erweitern, der mit seinem selbstironischen und berühmten Auftritt in die Jazzgeschichte einging: „Als ich hierher auf die Bühne kam, war ich völlig blind.“

Parallelen in Ausbildung und Meisterschaft

Wie jeder Erfolg – ob in der Medizin oder in der Musik – ist auch die Meisterschaft auf diesen Gebieten das Ergebnis harter Arbeit.
Wie erreicht man das Niveau, um Chopin, Skrjabin oder Rachmaninow zu spielen? Ein fähiger Lehrer – nicht unbedingt ein berühmter Konzertpianist – und eine sorgfältige Beobachtung exzellenter Aufführungen sind der Schlüssel. Mit der Zeit werden Sie sehen, wie viel Freude es machen kann, ein Instrument zu spielen. Wir alle müssen uns die technischen Fähigkeiten in vielen, vielen Stunden selbst erarbeiten – und manchmal ist es wirklich ein langer Weg.

Dann, nach dem mühsamen Lernen und der Beherrschung der technischen Anforderungen, kommt die Freude fast automatisch, und manchmal gibt es diesen seltenen Moment tiefer Emotionen, den man seinem Publikum vermitteln kann.
Was folgt, sind die drei L: Long Life Learning – neue Ziele, neue Stücke mit neuen Impulsen, unabhängig vom Alter, die uns weiterbringen und in neue Sphären führen. Ein lebenslanger Weg mit viel Freude und Zufriedenheit nach erfolgreicher Arbeit.

Übertragen auf unseren Hauptberuf der Augenchirurgie: Der Lohn ist, dass wir glückliche Patienten bekommen, die mit neuer Lebensqualität wieder sehen können. Und ja, es ist auch hier eine lange Lebensreise, und jedes Jahr werden wir mit neuen, spannenden Fortschritten konfrontiert, die es zu verstehen, zu meistern und in unsere tägliche Arbeit zu integrieren gilt.

Wie in der Musik gilt auch in der Mikrochirurgie: Learn from the Masters – von den Meistern lernen.
Zum Schluss wünsche ich Ihnen allen viel Glück und Erfolg bei allem, was Sie beginnen werden. Seien Sie bitte zuversichtlich in Ihrer Arbeit und in Ihrer Fähigkeit, auch schwierige Fälle zu meistern. Wir alle wissen, dass wir manchmal vor großen Herausforderungen stehen. Sowohl als Musiker als auch als Augenarzt habe ich festgestellt, dass die Disziplin, die für die Beherrschung eines Instruments ebenso wie einer mikrochirurgischen Tätigkeit erforderlich ist, eines gemeinsam hat: Beide erfordern Geduld, Präzision und zahllose Stunden des Trainings.

Ob in der Musik oder in der Medizin – Meisterschaft erfordert Hingabe. Doch die Belohnungen, von der Vermittlung tiefster Emotionen bis zur Wiederherstellung des Sehvermögens, machen diese Reise zutiefst erfüllend.

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